„Unter dem hellen Morgenstern ...“

 
Walter Hümmer konnte Orientierung sein, weil er selber Orientierung hatte,
tief durchdrungen war von der "Faszination des Reiches Gottes", das er uns
in seinen Predigten in immer neuen Bildern vor Augen malte. Das Erfrischende
an ihm war seine Originalität, die Einheit von Glauben und Leben. Charme und
Witz, zuweilen tiefer, sorgender Ernst ließen aufhorchen, verlockten zum Mit-
gehen und zum Sich-Anvertrauen auf der Suche nach dem je eigenen Lebens-
weg. So kommen bei Kirchentagen, bei der Frankfurter Buchmesse oder bei
Kongressen immer wieder Menschen auf uns zu, die Walter Hümmer als
"Geburtshelfer" für ihr Glaubensleben, als ihren "geistlichen Vater" in großer
Dankbarkeit beschreiben.

Er hatte sich eine ganz eigene Art kindlichen Vertrauens bewahrt. In schweren
Stationen seines Lebens ließ er sich immer wieder Kraft und Kampfesmut von
Gott schenken. Sein Dank über erfahrene Durchhilfen war ansteckend.
So konnte er nach seinem 63. Geburtstag am 25. März 1972 - dem letzten,
den wir mit ihm feierten - in einem Brief schreiben: "Ich werde immer mehr eine
geistliche 'Eintagsfliege'. Ich lebe von Tag zu Tag; ich lasse jeden Tag seine
eigene Plage haben. Ich lebe vom täglichen 'Manna' der Handreichung Gottes.
Er gibt mir täglich Weisheit, Durchblick, Hoffnung, Geduld, Glaubensmut und die
Dynamik des Heiligen Geistes, ohne die ich nicht leben könnte und möchte.
Dabei merke ich immer wieder: Je mehr ich ganz auf Seine Zeiteinteilung und
Seine Winke Acht habe, desto weniger überfordert Er mich. Denn Gott schindet
Seine Leute nicht! Ohne ein früh in der Stille etwas 'programmiertes' Tagewerk
kann ich nicht mehr leben.
Ich liebe in letzter Zeit beim Gebet kein Wort mehr als dieses: 'Ich übergebe Dir ...'.
Ich deponiere alles bei Ihm. Ich überlasse alles Ihm. Ich vertraue, dass Er alles
wohlmacht. Er hat Lösungen, über die wir immer nur staunen werden. Immer
präsentiert uns Seine Liebe Gutes. –
Gerne meditiere ich in letzter Zeit frühmorgens auch das Vaterunser durch. Bei
'Vater' verweile ich oft lange und gern."

Wie sehr Walter Hümmer sich in das Reich Gottes eingelebt hatte, zeigen die
letzten Worte, die an seinem Sterbelager noch zu verstehen waren: "Gemeinschaft
der Heiligen" .Wie sein Vermächtnis sind für mich Ausführungen in einer Predigt,
deren begeisterte Eindringlichkeit mancher, der ihn kannte, noch im Ohr hat:
"Mit dem Kommen Jesu ist die Ewigkeit in die Zeit eingebrochen. Man kann in
dieser Weltzeit nun ewigkeitlich leben, durch Jesus gleichsam jederzeit aus ihr
ausbrechen. Die Welt ist geöffnet zur Ewigkeit hin.
Auch dein kleines Leben kann Ewigkeit gewinnen, wenn du Jesus begegnest.
Wie groß wird dir dann das Geschenk deiner Tage, deiner Zeit! Vorher war dein
Leben leicht wie Spreu, 'vom Winde verweht'. Nun sind deine Tage ewigkeitsgefüllt,
ewigkeitsgewichtig. Vorher glich dein Leben einer unbefruchteten Blüte. Jetzt ist
durch den Heiligen Geist der Blütenstaub der Ewigkeit auf deine Seele gefallen,
und eine ewigkeitliche Befruchtung hat sich ereignet. Nun gehst du deinen Weg,
den Glaubensweg, und drehst dich nicht mehr im Kreise. Nun treibst du nicht mehr auf
dem Strom der Zeit dahin in eine ungewisse Zukunft. Du wanderst unter dem hellen
Morgenstern Seinem ewigen Tag entgegen."

 

Sr. Bärbel Quarg
© Christusbruderschaft Selbitz — Buch- & Kunstverlag, 95152 Selbitz, Wildenberg 23

 

 
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