|
Leseprobe
Meditation und Stille
Hanna Hümmer (1910 - 1977)
Meditation
Meditation ist das Nachsinnen, Nachdenken, Nachhören unter dem Wort Gottes. Es ist
das Normale, dass dieses Wort nahe bei uns ist, Seine Bergung, Sein Atem, Seine Liebe.
Es ist Wirklichkeit, dass Gott uns begegnet, dass der Himmel über uns geöffnet ist. In der
Meditation vor Gott kann das Wort durchsichtig werden für uns, und in diesem Durchsich-
tigwerden wissen wir uns mehr und mehr von Gott erschaut, durchschaut, durchliebt.
Meditation ist heute vielfach eine Modeerscheinung geworden. Das Natürliche wurde zur
frommen Leistung, mit der wir versuchen, den Heiligen Geist in unseren Griff zu bekom-
men. Meditation aber will der schöpferische Raum sein, in dem uns Gott segnend und lie-
bend begegnet, in dem das Wort in uns Gestalt gewinnt, Wirklichkeit wird. Meditation will
erlebt sein als ein einfältiges Dürfen: "Ich danke Dir, dass Du in mir bist und ich in Dir."
Gott füllt mich aus, ich bin in Ihm geborgen. Wenn ich die Augen schließe, wenn ich vor
Gott still bin, bin ich hineingenommen in den Raum eines lichten Dunkels. Hier kann ich
eins mit Ihm sein, mit Ihm leben. Das sind Augenblicke, Ewigkeiten, in denen alles in mir
zur Ruhe kommt mitten im täglichen Auf und Ab. Das Leben wird darin unendlich erfüllt.
Stille ist die Voraussetzung zu aller Meditation. Mitten in aller Betriebsamkeit können wir
nur still werden, wenn es in uns selbst still ist. — Wird hier nicht unser Unvermögen deut-
lich? Wir sind so stark mit uns selbst beschäftigt, dass wir nicht hören können. Sorgen und
Schuld wirken in uns eine Unruhe, die unser Leben belastet. — Aller Stille voraus geht die
totale Entspannung: Sich ganz fallen lassen und die Dinge des Alltags Gott übergeben,
unsere Sorgen und Nöte loslassen und unsere Schuld hineinverlieren in Seine Barmher-
zigkeit.
Ein bildlicher Vergleich: Bei einer Geige ist das Stimmen der notwendige Ausgangspunkt
allen Musizierens. Die Saite wird gelockert und durch das Anziehen der Wirbel über den
Steg gespannt. Wenn die A-Saite rein im Klang ist, stimmt man die anderen im richtigen
Verhältnis zu ihr. Meditation ist diesem Geschehen vergleichbar. Ich lasse mich hineinfal-
len in Jesus Christus, indem ich einfach sage: "Hier bin ich." Dann wird Gott selbst mein
Instrument, meine Seele, "für den Psalm der Ewigkeiten" stimmen. Er wird mein verstimm-
tes Leben, meinen verstimmten Tag durch die kurze stille Begegnung zu einem klaren Ton
bringen. Es ist eine große Kraft, wenn Gottes Geist in uns zu singen anfängt. So werden
alle Saiten unseres Lebens, die Ehe, der Beruf, die Familie und was sonst noch sein mag,
rein gestimmt durch Sein Wort. Durch die Begegnung mit Ihm wird unser Leben zur vollen
Harmonie reifen.
Meditation ist das heilige, zwecklose Dasein, in das Gott Sein Wort gibt. Und das Wort ist
lebendiges Wort, das vom Himmel gekommen ist. Meditieren heißt, dieses Wort nehmen
und essen und darin vereint sein mit Jesus. Sein Wort ist die Erfüllung, die Leib, Seele
und Geist umgreift. Von Seinem Wort geht Heilung, Stillung und Reinigung aus, die be-
freiend wirkt bis in alle Tiefen unseres Lebens.
Ohne Gottes Wort aber können Stille und Besinnung leicht zur frommen Selbstbespiege-
lung werden.
Was meditieren wir heute weithin? Man liest Zeitung und Illustrierte. Man lässt sich von al-
lem oberflächlich bewegen. Das führt zu falscher Meditation. Sie hilft uns nicht zum Leben
und nicht zum Sterben. Es steht uns frei, manches zu lesen und anzuschauen, doch was
gibt unserem Leben Kraft? Das Wort Gottes gibt uns tiefe Befreiung von allem Geschaffe-
nen und lässt unser Leben reifen für alles Geschaffene.
Es kommt bei der Meditation nicht auf Quantität an, sondern auf Qualität. Ein paar Minu-
ten sind kostbarer als eine verträumte Stunde. Ein paar Minuten sind ewigkeitsträchtiger
als eine große geistliche Übung.
Um leben zu können, brauchen wir den Raum der Meditation. Sagen wir nicht: "Wir haben
keine Zeit", sondern: "Wir haben keine Lust!" Denn wir haben Zeit für das, was wir gerne
tun. Die Zeit, die uns anvertraut ist, gehört Gott. Doch wie oft vergessen wir den Geber
über der Gabe, erheben wir die Zeit zum Maßstab der Dinge. So werden wir Sklaven der
Zeit; sie beherrscht uns, anstatt dass wir sie beherrschen und aus ihrer Fülle leben. Las-
sen wir Gott wieder den Herrn unserer Zeit sein! Ein Tag, an dem wir Zeit hatten für die
Begegnung mit Gott, ist ein gesegneter Tag. Am Abend kann ein Lächeln in uns sein, ein
heiliges Freuen darüber, wie Gott alles erfüllt hat. Je reifer ein Leben ist, desto inniger ist
das Hören auf Gott, ist alles Empfangen. Je reifer ein Leben ist, desto stiller ist es in Ihm.
Das Geschwätz hat hier ein Ende, es bedarf weniger Worte, um zu beten. Gebet wird zum
tiefen, weiten Schweigen, in welches Gott Sein liebendes Schweigen schenkt.
Stille
Stille ist das Dasein vor Gott, Raum der Anbetung in der Gegenwart Gottes. Stille ist das
Geschenk der Liebe Gottes an uns. Wenn wir den Raum Seiner Stille betreten, werden wir
Seine Stimme hören, Ihn erkennen, Ihn lieben lernen und schöpferische Kraft empfangen
zur Bewältigung unseres Tages.
In 4. Mose 24,4 heißt es von einem Propheten, dass ihm "die Augen geöffnet wurden,
wenn er niederkniet". In dem Maße, in dem wir unsere Augen schließen und uns lösen las-
sen von allem Umgetriebensein, um still zu werden vor Gott, gehen uns die inneren Augen
auf. In dem Maß, in dem unser Herz frei wird für Gott, kann Er Sich hineinverschenken.
Dieses Vor-Gott-Schweigen ist das natürliche Fundament unseres Alltags. In der Stille
ordnet sich unser Tag, alles eigene Wollen und Trachten fällt ab. Was wir sagen, wird
echt und wahr. Stille ist der Raum, in dem etwas reif wird zum echten Reden und zum
echten Schweigen, zum wahren Wort und zum wahren Gespräch. Menschen, die ein voll-
mächtiges Wort haben, sind Menschen der Stille. Sie müssen nicht immer nur nachreden,
was sie gehört oder gelesen haben.
Stille ist der heilige Mantel, den Gott um sie legt. Sie schützt ihre Seelen vor den Bildern
dieser Welt und prägt in sie das Bildnis Gottes ein. Stille bewahrt die natürlichen Kräfte
und lässt lernen, das zu tun, was Gott heißt. Stille bewahrt vor dem Sich-Zerarbeiten in
der Menge der eigenen Wege.
Alles Stillsein ist eine starke Spannung zwischen Gott und dem Menschen, ein Aus-
gespanntsein zueinander durch den Heiligen Geist. Stille ist wie ein Bogen, durch dessen
Spannung der Pfeil in eine klare Richtung fliegt und die Linie des Tages, das Ziel deutlich
wird. Stille Zeit vor Gott ist keine Leistung, die wir vollbringen, sondern einfältiges Einssein
mit Jesus ohne Stimmung, ohne betonte Gefühlsbewegung. Es ist ein Zur-Ruhe-Kommen
in Ihm. Der Mensch wird so leicht zum frommen Schwätzer. Er meldet sich jeden Tag zum
Rapport beim lieben Gott, schnurrt alles ab, was abzuschnurren ist, schlägt die Hacken
zusammen und geht wieder hinaus. Doch von Gott her wissen wir: Es ist nicht nötig, Ihm
alles zu sagen. Er weiß alle Dinge. Es kommt Ihm nicht darauf an, dass wir große Reden
halten, sondern dass wir Ihm in die Augen sehen, dass wir Seinem Blick begegnen. Gott in
die Augen schauen aber heißt: Sein Wort ergreifen und Ihn anbeten.
Stille ist der geöffnete Raum, in den das Reden Gottes fällt. Wer Gott einmal gehört hat,
hört ihn immer wieder aus allen anderen Stimmen heraus. Es ist kein seelisches Hinhören,
in dem wir uns selbst wiederfinden, sondern ein Hören, das unsere Seele, unseren Ver-
stand, unser ganzes Wesen durchdringt. Es ist kein bestimmter Ton, den wir vernehmen,
den wir aufnehmen, sondern mit unserem Herzen verstehen wir, was Gott will.
Gott redet uns nicht zu Gefallen. Seine Rede trifft uns innerlich, sie straft uns im Gewis-
sen. Das passt uns nicht. Er zeigt Wege, die wir nicht gehen wollen. Er spricht Worte, die
wir nicht hören wollen. Seine Rede scheint uns hart zu sein. Auch unter den Jüngern wird
einmal laut: "Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?"
Gott will Sich uns in Seiner Liebe mitteilen — so wahr Er Vater ist und wir Seine Kinder
sind, so wahr Er Bruder und Erlöser ist und wir die Seinen bleiben. Sein Wort ist nicht et-
was Selbsterdachtes oder Erhofftes, sondern Wirklichkeit, mit der wir rechnen können.
Ohne die einfältige Bereitschaft, ohne das "Hier bin ich" gibt es kein Erleben mit Gott im
Geist, sei es im Hören oder im Gehorchen, sei es im Beten oder im Handeln im Namen
Jesu. Es sind nur wenige, die dieses einfältige Ohr sich schenken lassen. Das hängt nicht
ab von irgendeiner Begabung, sondern von der Hingabe. Es kann niemand sagen: "Das
liegt mir nicht, so bin ich nicht. Gott kann mit mir nicht reden." Dieses Nicht-Hören-Können
liegt nur daran, dass wir nicht bereit sind zu gehorchen. Die Gabe, auf Gott zu hören, ist
jedem zugedacht, aber sie kann nur erwachen in der völligen Demut, wenn wir nach dem
gehörten Wort leben, wenn wir es in Einfalt weitergeben. Wer beginnt, auf Gott zu hören,
dem werden sich immer weiter und tiefer Seine Geheimnisse öffnen. Gott wirft uns nicht in
geistliche Tiefen, sondern in kleinen alltäglichen Dingen lehrt er uns, zu gehorchen und
hineinzuwachsen in die völlige, innige Abhängigkeit von Ihm.
Ich erlebe und erfahre auch an anderen, dass durch die Stille vor Gott der Charakter ver-
wandelt wird. "Die Sonnenstrahlen machen auch die ärmste Ruine golden." Das kümmer-
lichste Leben, auch dein Leben, wird durch die Begegnung mit Gott, durch das Licht
Seiner Liebe verwandelt. Was traurig ist, was zerschlagen ist, was wie ein Bruch vor dir
liegt, wird dennoch bis ins Innerste durchglüht. Wenn du ausgebreitet bleibst vor Ihm, wie
du bist in deiner Kümmerlichkeit, in deiner Schwachheit, dann fällt auch über dein Leben
der Glanz der Gegenwart Gottes, und alles wird gut, auch unter Tränen, was voller Armut
war.
Jesus hat in einem aktiven Stillsein vor dem Vater gelebt. Darin war Er unmittelbar begna-
det, zu hören und jeden Augenblick dem Willen des Vaters zu gehorchen. Die königliche
Gelassenheit, die Jesus in aller Not, in allem Leiden ausstrahlte, war die Frucht seiner
Begegnung mit Gott. Er konnte sagen: "Meine Stunde ist gekommen" oder "Meine Stunde
ist noch nicht gekommen". Er lebte in dieser tiefen Übereinstimmung mit dem Vater, in je-
dem Augenblick, und darin lag Seine Kraft zu überwinden, die Kraft der Vollmacht, die
Kraft es Leidens und des Siegens.
Nur wenige haben unter uns den unmittelbaren Auftrag des Hörens für andere. Es sind
meistens Menschen, die in eine umfassende Verantwortung für andere gerufen sind. Man-
che haben besonders feine Ohren, andere besonders flinke Füße. Der eine ist Empfänger
und Sender, der andere ist der Gesandte, er führt das Gehörte aus. Da ist keiner geringer.
Beide sind von Gott gleich geliebt und beauftragt. In 1. Korinther 12 heißt es: "Es sind
mancherlei Gaben. ... In einem jeden offenbaren sich die Gaben zu gemeinem Nutzen."
Wer mit Gott redet, hat Vollmacht zu schweigen. Wer auf Gott allein hört, braucht nicht
mehr viele Worte zu reden und ist nicht gezwungen, auf die Worte zu hören, die von au-
ßen kommen. Schweigende Menschen sind Quellen der Kraft Gottes in dieser Zeit.
Von Jesus können wir Schweigen lernen. Jesu Schweigen war Gegenwart der Ewigkeit.
Bei dem Verhör vor Pilatus heißt es: "Er aber schwieg stille ..." Er schweigt still, weil Er
nicht für Sich selbst reden muss. Das ist ein heiliges Schweigen, ein Schweigen im Sinn
des göttlichen Opfers, ein priesterliches Schweigen.
Es gibt aber auch ein Schweigen, das aus dem Überwältigtsein von Gott kommt. Eine in-
nere Herrlichkeit, die das ganze Leben umgreift, ist nicht in Worte zu fassen. Der Versuch
wäre töricht. Wir können doch nicht ein Goldstück in lauter Kupferpfennigen verschleu-
dern. Es gibt Geheimnisse mit Gott, die einen nur persönlich betroffen haben. Darüber ist
nicht zu reden.
In der Apostelgeschichte wird von dem Anfang der Gemeinde Jesu berichtet. Immer wie-
der heißt es da: "Und da wir beteten, sprach der Heilige Geist" oder "Es wehrte ihnen der
Heilige Geist". Wie Gott einst geredet hat, so redet Er auch heute noch, weil Jesus in inni-
ger Weise mit Seiner Gemeinde durch Tod und Sieg, Himmelfahrt und Pfingsten verbun-
den bleibt. Gott sei Dank, der Himmel ist nicht verschlossen über uns. Gott redet mit uns.
Sein Wort ist Leben und Wahrheit und will sich auch dir öffnen.
Herr Jesus, wir danken Dir,
dass Du uns in alle Wahrheit
durch Deine Liebe leitest
und dass Du uns damit auch helfen willst,
bis in den kleinen Alltag hinein
Deine Stimme zu hören,
Deinen Willen zu tun.
Wir bitten Dich um den Heiligen Geist,
um Dein gütiges Führen.
Wir bitten Dich
um das Gespräch mit uns.
Schenke uns die Gnade,
Hörige Deines Geistes zu werden.
Vergib uns die Lautheit
unserer Herzen, unserer Sinne,
und segne uns,
dass auch unser Leben den Glanz der Stille,
den Glanz Deiner Gegenwart empfange.
Hanna Hümmer in: ER trat zu ihnen
Mit diesem Link gelangen Sie direkt zum Buch in unserem Online-Shop.
... direkt zum Buch ...

|