Leseprobe

Christamaria Schröter
UNTERBROCHEN

 

Seite 42:
 

„Unfall

Von jetzt auf nachher ist das Leben anders“

 

 

Erster zittriger Tagebucheintrag

am vierten Tag nach dem Unfall

 

 
 
 

Seite 49:
 

Ein gequälter Tag

alles ist zuwider

 
 
 

Besuch...

Sr. A-E dankt Gott für den Segen

den Er von mir noch ausgehen lassen will...

 

Das trifft mich wie ein Schlag

Etwas in mir hat mit dem Weiterleben nicht gerechnet

Es kann sich nicht vorstellen    an Orte zurückzukehren

Habe ich mich gelöst von ihnen?

 

Leben!    das würde bedeuten:

setze dich wieder mit dem Dasein auseinander

hautnah

sei verletzlich

Die Wirklichkeit interessiert dich

aber nur von deinem Bett aus

nicht um darin zu leben und zu handeln –

 

 

Noch zittert der Gedanke ans Ende    Es kam nicht

Es kam anders    Zum neuen Anfang?

 
 
 

Seite 98:
 

Am Bettrand – am Existenzrand

Rührt mich nicht an    schreit es in meinem Kopf

Es tut mir leid    ich kann nicht mehr

Zusammengesunken    lahmgelegt    stumm

überflutet vom Schmerz    und ringsum fremde Blicke

Erschöpfung    als gäbe es keine Erholung von ihr

 

Bewegungsübungen mit dem verschraubten Bein    Heute

ist alles aus mir herausgeholt was zu einem noch so kleinen

Lebensgefühl gehört    Nichts geht mehr

Verzweiflung    Selbstverachtung hämmert nach innen:

Waschlappen du! Wehleidige Jammerin! Reiß dich zusammen

Was soll das Theater! Führ dich nicht so auf!

 

„... Gehen Sie vorsichtig um mit dem Bein“

unterbricht eine ruhige Stimme den Monolog

„Mit solchen Verletzungen können Sie kein Held sein!“

Dr. Sch.’s Gesicht kann ich vor Tränen nicht sehen

Ich bin sprachlos    Das war kein Scherzton -

Der Widerstand    aus dem ich bestehe

ist plötzlich aufgelöst durch eine Kraft des Verstehens

Wenige Worte rücken Dinge an ihren Platz

schaffen Durchblick –

 

Barmherzigkeit von Dir    Gott    die mich nicht bloßstellt

nicht demütigt...

 

Ich nehme mein Bein wieder „zu mir“

Ich höre auf    mich    das Bein    meine Schwachheit

zu beschimpfen

als wäre einer hinter mir her

und stellte unerbittliche Forderungen...

 
 
 

Seite 142:
 

„... ist alles doch gar nicht so schlimm

bald hast Du es geschafft ...“

schallt es durch die Besuchermenge

Betont fröhliche Aufmunterungs-Zugriffe folgen

Etwas entzieht sich    wird winzig klein im Bett...

Frau F. bleibt in sich gekehrt zurück

als die Muntermacher gehen

 

Ich fühle mit auf beiden Seiten

War ich nicht auch hilflos

als ich zu den Gesunden zählte?

Werde ich einmal behutsamer sein

stimmig    transparent

für eigene Empfindungen

und für die eines anderen?

Wird Aufgesetztes    Formelhaftes wegfallen

je mehr Echtes von innen wachsen kann?

Ich wünsche mir das von Dir    Gott

wenn ich wieder ...

 

Ich wünsche mir eine gereinigte Sprache...

 
 
 

Seite 174:
 

Letztes Kapitel

Wieder in einer Unfall-Klinik

Freundlich empfangen    ernstgenommen

ich finde mich zurecht

Untersuchungen durch Prof. W.

Sachliche Klarheit    keine Verunsicherung

keine Wertung dessen    was voranging

Eine Risiko-Operation steht an    Ich bejahe -

spüre: es ist richtig    ich bin in guten Händen

 

... So wurde die Operationstechnik noch nicht

angewandt    Sie wird vielleicht anderen

in ähnlicher Situation zugutekommen

Zehn Tage liege ich auf der Intensiv-Station

rund um die Uhr sorgfältig und umfassend überwacht –

an Schläuche    Spülungen angeschlossen –

auf einer „Bewegungsmaschine“ die Tag und Nacht

mein Bein bewegt

Entscheidende Zeit    Wende-Zeit

Gewohnt an Schmerzen    erlebe ich staunend

daß angekündigte

„starke Schmerzen nach der Operation“ eher sanft sind

Lange kann ich kaum glauben    daß es mir so gut geht

Mit meinem „Be-Über“ lerne ich laufen

richtig laufen    und behutsam mit mir umgehen

 

War vorher alles umsonst?    Nein    nicht umsonst

Bausteine zum Ganzen ...

 

Nach zwei Monaten verabschiede ich mich von Prof. W. –

überglücklich    Er sagt schlicht:

Sie wissen    daß eine andere Hand dabei war

 
 
 

Seite 176:
 

Am vierten Tag nach dem Unfall schrieb ich:

„Von jetzt auf nachher ist das Leben anders“

 

Ist es wirklich ganz anders geworden?

 

 

Ich lebe weiter im Staunen

im Dank    in der Unruhe

in Widersprüchlichkeiten    Zwängen

Lösungen    Verwundungen ...

Lebensbejahendes und Lebensverneinendes

stehen sich immer wieder gegenüber

im Kampf miteinander

aber verbunden mit dem Du

 

in einem Kreis    der sich schließt

 

 

 

 

 

„... und als Er so mit mir redete    kam Leben in mich

und stellte mich auf meine Füße    und ich hörte dem zu

der mit mir redete ...“

 

 
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© Christamaria Schröter
Christusbruderschaft Selbitz
— Buch- & Kunstverlag —
 
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